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"Selbstbefriedigung ist entdramatisiert"

Früher ein Tabu, ist Selbstbefriedigung heute ganz normal. Doch Männer und Frauen gehen unterschiedlich damit um. Sexualforscherin Maika Böhm im Interview
von Annett Zündorf, aktualisiert am 03.08.2016

Kein Aufreger mehr: Selbstbefriedigung gehört für die meisten zum Sexleben dazu

Mauritius images/Trigger Image/Maren Slay

Mit sich alleine vergnügen – das ist mehr als ein Sexersatz, so sehen es vor allem jüngere Menschen. Beim Thema Selbstbefriedigung gibt es aber nach wie vor Unterschiede zwischen Männern und Frauen, sagt Maika Böhm, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sexualforschung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf.

Frau Böhm, lange war Selbstbefriedigung verpönt. Sie sollte schuld an Lepra, Schwachsinn und allen möglichen schrecklichen Dingen sein. Gibt es denn heute noch Menschen, für die Selbstbefriedigung etwas ist, was man nicht tut?

Seit der sexuellen Revolution hat sich das in Deutschland deutlich geändert: Die negativen Bilder wurden weniger und die Einstellungen liberaler. Heute sehen die meisten Menschen Selbstbefriedigung als ganz normale Form der Sexualität. Allerdings gibt es immer noch Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Während sich Männer und Frauen beispielsweise in Bezug auf das Alter beim ersten Geschlechtsverkehr oder die Zahl der Sexualpartner immer mehr angeglichen haben, fand bei den Erfahrungen mit Selbstbefriedigung besonders seit der Frauenbewegung in den 1970er- und 1980er-Jahren zwar eine Annäherung, bei weitem aber keine Angleichung statt.

Welche Unterschiede gibt es denn?

Unsere letzte Studie mit deutschen Studierenden hat gezeigt, dass sich neun von zehn Studenten in den vier Wochen vor unserer Befragung selbst befriedigt haben, aber nur sieben von zehn Studentinnen. Die jungen Männer zwischen 19 und 30 Jahren befriedigen sich auch viel häufiger selbst als junge Frauen, nämlich im Durchschnitt etwa 16 Mal in vier Wochen. Außerdem beginnen Jungen viel früher. Sie starten schon mit Beginn der Pubertät. Mädchen beginnen erst in den späten Teenie-Jahren, einige von ihnen auch erst im jungen Erwachsenenalter.

Das klingt eigentlich nach einem relativ selbstverständlichen Umgang mit dem eigenen Körper. Aber ein Thema zum Besprechen unter Freunden ist es trotzdem nicht.

Das stimmt nicht ganz. Natürlich spricht man jetzt nicht ständig mit jedem darüber. Selbstbefriedigung gehört für viele in ihre eigene private Sphäre. Das geht niemanden etwas an. Aber gerade in einer Partnerschaft  finden Gespräche darüber statt, ob, wann und wie Selbstbefriedigung gemacht wird. Einige, aber nicht alle junge Frauen sprechen auch recht offen mit ihren Freundinnen: Sie geben sich gegenseitig Tipps oder gehen gemeinsam los, um Vibratoren zu kaufen.

Männer dagegen sprechen zwar ganz locker mit Freunden darüber, reden aber nicht so gern mit ihren Partnerinnen über ihre Selbstbefriedigung, zumindest nicht in Zusammenhang mit ihrer Pornografienutzung. Das liegt vielleicht auch daran, dass sie häufig unsicher sind, ob ihre Partnerinnen ihr Interesse an Pornos und ihre Auswahl der Pornofilme verstehen und akzeptieren.

Sie haben gerade über sehr junge Menschen gesprochen, aber wie ist das mit älteren?

Dazu gibt es leider nicht viele Untersuchungen. Aber eine Studie hat gezeigt, dass sich ein deutlicher Unterschied zwischen den Generationen festhalten lässt: Bei den älteren, 60-jährigen Männern ist noch klar eine Einstellung vorhanden, dass es sich bei Selbstbefriedigung nur um eine Ersatzbefriedigung handelt, ein Sexersatz, weil es in der Beziehung nicht genügend Sex gibt oder man gerade Single ist. Die "richtige" Sexualität gibt es nur mit der Partnerin. Die jüngeren, 30-jährigen Männer betrachten Selbstbefriedigung überwiegend als eigenständige Sexualform.

Und für Jüngere ist es nicht nur eine Notlösung?

Nein. Bei Jüngeren existieren Selbstbefriedigung und Partnersexualität meist entspannt nebeneinander. Manchmal tritt die Selbstbefriedigung eine Zeitlang zugunsten eines aktiven Sexuallebens mit dem Partner zurück. Die Paarsexualität ist vielen wichtiger, vor allem weil sie emotionale Nähe bietet. Für Frauen ist sie aber dennoch oft "unbefriedigender", denn sie kommen dabei nicht immer zum Orgasmus. Wenn sie sich selbst befriedigen, wissen sie meistens sehr genau, wie sie sich sexuelle Lust verschaffen können. Unterschiedliche Untersuchungen weisen außerdem darauf hin, dass sich junge Frauen mit paarsexueller Erfahrung öfter mit sich alleine vergnügen als sexuell unerfahrene Frauen.

Weil ihnen etwas fehlt?

Nein. Weil sie es schön finden, weil es entspannt und Stress abbaut, weil sie danach besser schlafen können.

Und die Männer?

Männer sprechen eher von Triebabfuhr, Geilheit und Zerstreuung.

Wie ist das mit Menschen aus anderen Kulturen? Ist für die meisten Selbstbefriedigung auch eine normale sexuelle Spielart?

Auch dazu gibt es kaum Studien. Auch in unserer eigenen Studie hatten wir wenige Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus anderen Kulturkreisen. Soweit wir sehen konnten, hängt Selbstbefriedigung nicht vom kulturellen Hintergrund ab. Entscheidend ist eher, ob jemand überhaupt schon sexuell aktiv ist.

Das klingt, als wären die Schreckgespenster der Vergangenheit endgültig begraben?

Ja. So könnte man das sagen. Auch wenn es wahrscheinlich ein "privates" Thema bleiben wird, über das man nicht ständig und nur mit ausgewählten Personen redet. Aber Selbstbefriedigung ist entdramatisiert und wird von breiten Teilen der Bevölkerung als normaler Teil des Sexuallebens wahrgenommen, und zwar in Single- wie in Beziehungszeiten.

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Bildnachweis: fotolia, Mauritius images/Trigger Image/Maren Slay

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