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Sprechen übers Scheitern

Kann man vom Scheitern anderer lernen? Bei Fuck Up Nights erzählen Menschen von ihren schlimmsten Niederlagen und darüber, wie sie sich wieder aufgerappelt haben
von Dr. med. Roland Mühlbauer, 22.10.2015

Das Scheitern überwinden: Trauern, sich wieder aufrappeln und neue Wege gehen

Corbis/Comet

Wortlos sitzt Andreas auf dem Barhocker, das Mikrofon in der Hand. Hinter ihm erscheint auf einer Leinwand ein Bild. Es erklärt, weshalb Lehrer so oft in einen Burn-out schlittern – die ständigen Auseinandersetzungen mit den Schülern, wenig Rückhalt bei den Kollegen, und die Öffentlichkeit sieht den Lehrerberuf nur als Halbtagsjob. Der ehemalige Lehrer nimmt an einer Fuck Up Night in München teil. Dort sprechen Menschen übers Scheitern.

Andreas erzählt, warum er kein Lehrer mehr ist

Sebastian Lehner

Andreas ringt um Worte, während ihm 150 Menschen an den Lippen hängen. "Schließlich war ich bei einer Psychoanalyse." Wieder eine Pause. "Dort habe ich festgestellt, dass ich damit, wie bestimmte Menschen miteinander umgehen, einfach nicht klar komme." Tiefes Atemholen. "Und dass ich damit nie klar kommen werde. Aber jetzt bin ich wieder frei, als Fotograf." Abrupt endet der Vortrag über das Ende von Andreas Lehrerkarriere.

Zuvor hatte er noch souverän von früheren Katastrophen erzählt. Wie 2005 der Vermieter in der Wohnung stand und ihm eröffnete, er und seine damalige Lebensgefährtin müssten in vier Stunden die Wohnung räumen. Das Haus sei akut einsturzgefährdet. Danach die Suche nach einem Domizil. Dass er damals ohne Zugang zu Archiv und Ausrüstung nicht mehr erfolgreich als freier Fotograf arbeiten konnte. Und schließlich die Entscheidung traf, Lehrer zu werden, weil er in seinem eigenen Studium so beeindruckt war von der interdisziplinären Zusammenarbeit der Lehrkräfte und den Persönlichkeiten der Professoren.

Psychologe und Psychotherapeut Professor Johannes Schaller

W&B/Privat

Scheitern greift das Selbstvertrauen an

Sein Vortrag lässt ahnen, wie sehr das Zerplatzen eines Lebenstraums weh tun kann. "Scheitern ist oft eine absolut schmerzhafte und langwierige Angelegenheit", bestätigt Professor Johannes Schaller, Psychotherapeut in eigener Praxis in Chemnitz. Der Psychologe distanziert sich von einem großen Teil der Ratgeberliteratur, in der Scheitern fast schon verherrlicht und in erster Linie als Chance dargestellt wird. Zunächst sei es aber ein massiver Angriff auf das eigene Selbstwertgefühl, sagt Schaller. "Man muss Abschied nehmen von Plänen, die man niemals aufgeben wollte. Das dauert."

Trotzdem seien diejenigen, die bei einer Fuck Up Night vortragen, schon sehr weit. Denn viele Menschen können nicht akzeptieren, dass sie sich in ihren eigenen Erwartungen getäuscht haben. "Wenn Wirtschafts- oder Wetterexperten mit ihren nicht eingetroffenen Prognosen konfrontiert werden, hören Sie verschiedenste Ausreden", meint Schaller. "Oder wann gesteht ein Politiker jemals eine Wahlschlappe ein?" Aber nur, wer Fehler erkennt, kann sein Verhalten grundlegend überdenken und ändern.

Wanja Belaga hatte in den 1990er-Jahren ein Techno-Camp organisiert

Sebastian Lehner

Ruf beschädigt

Wanja Belaga betritt die Bühne, der Gastgeber der Münchener Fuck Up Night. Er erzählt von den neunziger Jahren. Damals stellten ein Freund und er ein dreimonatiges Techno-Camp in Süditalien auf die Beine. Ein Jahr lang arbeiteten sie Tag und Nacht für den "Summer of Love". Aber die internationale Presse berichtete vor allem von den Unzulänglichkeiten der Organisation – nur selten warmes Wasser, zu essen gab es fast nur Hühnchen. Britische Reporter verleiteten ihn außerdem zu einer unbedachten  Äußerung: Als sie ihn fragten, warum Deutsche in der Techno-Bewegung vorwegmarschieren, witzelte er "die Deutschen sind halt schon immer gerne marschiert".

Nachdem auch noch ein Geschäftspartner krumme Geschäfte machte und ihn über den Tisch zog, musste Wanja Belaga finanziell bluten und galt in der heimischen Boulevardpresse als der "Techno-Abzocker". Weil er dafür lebte, Projekte zu verwirklichen und neue Räume zu schaffen, war der beschädigte Ruf für ihn besonders schlimm.

Sabine Sikorski stellt das Organisationsteam vor

Roland Mühlbauer

"Angst ist keine Option"

Sabine Sikorski gehört zum Organisationsteam der Fuck Up Night München, die künftig Epic Fail Night heißt. Sie berichtet, dass sich viele Vortragende schwer tun, über die dunklen Stunden ihres Lebens zu berichten. "Aber im Nachhinein sehen sie es als Befreiung an, damit an die Öffentlichkeit gegangen zu sein." Neben diesen Abenden veranstaltet sie auch Social Media Clubs, in denen Unternehmen erfolgreiche Social Media Projekte vorstellen. "Dort lerne ich für den Beruf, aber hier bei den Fuck Up Nights lerne ich für das Leben." Zum Beispiel, wie schwer es Lehrer haben können. Besonders beeindruckt hat sie das Motto einer früheren Rednerin, das inzwischen zu ihrem eigenen wurde: "Angst ist keine Option."

Zwischendurch erzählt Moderator Chris Jegl eine Geschichte nach dem Geschmack des Publikums: Vom Japaner Morita Akio, der zunächst mit viel Geduld einen Reiskocher entwickelte. Der Reis brannte aber oft an, sodass er nur einige hundert Exemplare absetzen konnte und fast pleite ging. Aber er versuchte etwas Neues und konstruierte ein Transistorradio. Das wurde ein Verkaufsschlager, und er gründete eine heute weltweit bekannte Firma: Sony.

Deutschland hat eine sehr strenge Fehlerkultur

Die Idee der Fuck Up Nights entstand 2012 in Mexiko. Im April 2014 fand sie erstmals in Deutschland statt. Inzwischen gibt es sie unter anderem in München, Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt, Stuttgart und Magdeburg. "Wenn man eine Reihung bilden würde, in welchen Ländern es opportun ist, Fehler zuzulassen, belegt Deutschland neben Singapur einen der hinteren Plätze", sagt Schaller. "Andere Länder wie die USA gehen mit Fehlern deutlich lockerer um." Das könne mit unserem Qualitätsverständnis á la "Made in Germany" zusammenhängen.

Der Psychotherapeut hält es für problematisch, dass in unserer Kultur vor allem einzelnen Menschen die Schuld am Scheitern zugeschrieben wird. Zum Beispiel, wenn ein übermüdeter LKW-Fahrer einen Unfall verschuldet. "Wahrscheinlich war er aber aufgrund des Termindrucks zu lange auf der Straße – und dabei spielen auch die Spedition, der Markt, der Preis und letztlich die Verbraucher eine Rolle."

Zuschauer können sich selbst wiederfinden

Was nimmt das Publikum sonst mit von so einem Abend? "Ein Gefühl der Solidarität", mutmaßt Schaller. Zu erleben, dass jemand offen über Widrigkeiten spricht, die der Zuhörer eventuell selbst erlebt: dass er täglich kämpfen muss, sich Selbstvorwürfe macht, der eigene Selbstwert angegriffen wird. Und, dass es nach absoluten Tiefpunkten im Leben auch wieder aufwärts gehen kann, wie auch der nächste Fall eindrucksvoll zeigt.

Durch eine Krise wurde Christoph Emmelmann vom Bauunternehmer zum Lachtrainer

Sebastian Lehner

Christoph Emmelmann war früher Bauunternehmer mit sieben Firmen. Als aber die Banken die Richtlinien für Kredite verschärften, riss ihn das vor 15 Jahren in den Konkurs. Er endete obdachlos als Dauercamper auf einem Zeltplatz. In der Situation riet ihm eine Freundin, doch wieder mehr zu lachen und schleppte ihn zum Lachyoga. Was unpassend klingt, war für Emmelmann eine Erleuchtung: Er fand seine Berufung als Lachtrainer, gab Kurse, baute eine Lachschule auf.

Scheitern als Wendepunkt

Heute sieht Emmelmann seine damalige Krise als Glücksfall, durch den er sein Leben in bessere Bahnen lenken konnte. Und er überschüttet das Publikum mit Ratschlägen:

  • Euch wird alles leicht fallen, was sich für euch gut anfühlt
  • Lasst weg, was sich nicht gut anfühlt
  • Macht einen Plan, sprecht darüber und brennt dafür
  • Dann tut es und werdet selbst eure Vision
  • Macht niemals Schulden
  • Lernt jeden Tag, in der Mitte zu bleiben
  • Ausreden kosten Kraft
  • Denkt lösungsorientiert



Bildnachweis: Roland Mühlbauer, W&B/Privat, Corbis/Comet, Sebastian Lehner

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