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Smartphones: "Wir landen im digitalen Burn-out"

Ständiges Smartphone-Checken verringert Aufmerksamkeit und Glücksempfinden. Um dem zu entgehen, fordert der IT-Experte Alexander Markowetz ein Umdenken
von Anne Wüstmann, aktualisiert am 29.03.2017

Völlig ins Handy vertieft: Das beeinflusst unsere Psyche

iStock/View Apart

Herr Markowetz, besitzen Sie noch ein Smartphone?

Ja. Und ich bin ganz schlimm, gucke ständig drauf. Ich hoffe, dass jemand die digitale Diät erfindet, die es zumindest bei einigen von uns schafft, das "Fett" – also das Geklicke – um die Hälfte zu reduzieren. Aber so weit sind wir leider noch nicht.

Wieso ist es so schwer, mit dem sinnlosen Klicken aufzuhören?

Schuld sind unbewusste Automatismen. Es reicht nicht, rational festzustellen, dass etwas ungesund ist. Bilder von Lungenkrebs machen aus Rauchern keine Nichtraucher. Das Rauchen ist auch keine rationale Entscheidung.

Juniorprofessor Alexander Markowetz, Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

W&B/Henning Ross

Wie muss man sich diese Automatismen vorstellen?

Dabei laufen sogenannte dopaminerge Prozesse ab – genau wie etwa am Geldspielautomaten: Auf eine Handlung folgt ein Überraschungsmoment, was eine Ausschüttung des Glückshormons Dopamin im Gehirn auslöst. Und von diesem Gefühl wollen wir mehr, also wiederholen wir die Handlung immer wieder.

Unser Handy ist also ein getarnter Spielautomat?

Ja. Nur die Belohnung ist eine andere. Statt Geld gibt es hier soziale Aufmerksamkeit, interessante Nachrichten oder eine neue Herausforderung, etwa ein höheres Level bei einem Online-Spiel.

Und nette Gespräche. Oder nutzen wir das Smartphone gar nicht mehr zum Telefonieren?

Nein. Wir telefonieren im Schnitt nur sieben Minuten pro Tag. Das hat unsere Studie ergeben. Dem gegenüber stehen zweieinhalb Stunden Klicken: 88 Mal am Tag tippen wir den Bildschirm an. Manchmal nur, um die Uhrzeit abzulesen. Aber auch 53 Mal, um mit dem Telefon zu interagieren. Das sind 53 substanzielle Unterbrechungen pro Tag! Bezogen auf einen 16-Stunden-Tag schalten wir alle 18 Minuten unser Handy an.

Welche Apps sind es, die uns von der Arbeit abhalten?

In erster Linie WhatsApp, Facebook, Instagram, Spiele, Snapchat und ­Online-News. Plus all das, mit dem wir versuchen, unser Smartphone-Verhalten rational zu rechtfertigen: Wetterdienst, Online-Banking, Navigationssystem … Dabei machen diese nicht einmal zehn Prozent unseres Klick-Verhaltens aus.

Was machen diese ständigen Ablenkungen mit uns?

Wir kommen nicht mehr in den sogenannten Flow – also in den Zustand, in dem man seine ungeteilte Aufmerksamkeit auf eine Tätigkeit konzentriert und Glück empfindet. Diesen Zustand erreicht man eigentlich nach etwa 15 Minuten. Wir aber nicht, weil wir uns viel zu oft unterbrechen. Das macht unproduktiv und vor allem unglücklich. Am Ende des Tages hat man das Gefühl, nicht wirklich etwas geschafft zu haben.

Die Regeln der digitalen Diät

1. Zeit-Zonen: Nie das Handy als Wecker benutzen, stattdessen einen "echten" Wecker anschaffen. Und eine Armbanduhr tragen. Das verhindert, dass man beim Uhrzeit-Checken doch auf Facebook landet.
2. Abendgestaltung: Nicht im Dämmerzustand auf dem Sofa lümmeln und vor sich hin klicken.
3. Aufbewahrungsalternativen: Das Handy auf den Balkon verbannen oder in den Rucksack packen. So überlegt man zweimal, ob sich der Aufwand wirklich lohnt.
4. Alarm-Ton: Ist es wichtig, muss es piepen. Den fünf wichtigsten Kontaktpersonen sagen, dass sie in dringenden Fällen anrufen oder eine SMS schreiben sollen. So checkt man nicht ständig WhatsApp, Facebook oder seine Emails.
5. Abwesenheitsnotizen: Genaue Zeiten oder Tage festlegen, an denen man nicht erreichbar ist.
6. Plan B: Mal wieder lesen! ln der Bahn oder im Bett in einem Buch blättern, statt zu klicken.


Haben wir verlernt, uns zu langweilen?

Ein bisschen schon. In der Achtsamkeitstheorie unterscheidet man zwei Zustände: Being und Doing, also Sein und Machen. Der Mensch sollte das Being praktizieren, tendiert aber immer zum Doing. Und mit dem Smartphone bietet sich ihm ständig die Möglichkeit, etwas zu tun. Pausen sind aber sehr wichtig, sie waren früher quasi in unser Leben eingewoben: Wenn der Bus nicht kam oder wenn sich die Verabredung verspätete, dann wurde man gezwungen, innezuhalten und nachzudenken. Diese Pausen haben wir durch sinnloses Klicken eliminiert.

Kann man erahnen, welche Folgen das für unsere Psyche hat?

Es gibt natürlich noch keine Daten dazu, wie sich das alles langfristig auswirken könnte. Meiner Meinung nach ist die Gefahr hoch, dass wir im digitalen Burn-out landen. Wenn man es nicht mehr schafft, bewusste Pausen in den Alltag einzubauen, kommt es zu einer Art Mangelerscheinung – sie zeigt sich in Stress und Depressionen. Achtsamkeitstrainings werden bereits jetzt als therapeutische Gegenmaßnahme genutzt.

Sie vergleichen Handys mit ­Spiel­automaten. Gibt es also auch eine Art Smartphone-Sucht?

Zumindest gibt es problematisches Verhalten. Zum Beispiel, wenn andere Aufgaben vernachlässigt werden: der Job, die Beziehung, die Kinder. Ein weiteres Anzeichen: Heimlich­tuerei und schlechtes Gewissen. Wenn man sich bei einem Candle-Light-Dinner kurz einmal auf die Toi­lette verzieht, um seine WhatsApp-Nachrichten zu checken, stimmt irgendetwas nicht.

Und eine digitale Diät könnte diese Folgen verhindern?

Eher eine Smartphone-Etikette. Mit Regeln wie früher die Mittagspause oder die Abendruhe. Spätestens nach vier Wochen hat auch der letzte Freund verstanden, dass man ab 20 Uhr seine Mails nicht mehr liest. Es wird keine einheitliche Lösung für alle geben. Eine, die für den Familienvater funktioniert, ist nicht die ­rich­tige für den 17-jährigen Single. Der muss Freitagabend online sein. ­Außerdem glaube ich, dass auch unsere Eitelkeit uns alle in die richtige Richtung treiben wird …

Wie meinen Sie das?

"Digital Detox" wird das neue Vegan. Es wird die neue Art der sozialen Differenzierung. Unschöner aus­gedrückt: Angebertum nach dem Motto "Mit dem Smartphone vertun ja nur noch die Dummen ihre Zeit". Ich denke, die Entwicklung ähnelt dem Vegan-Trend. Veganern geht es um ihre Gesundheit – aber häufig auch darum, sich von der Masse abzusetzen. Dieser Mechanismus wird vielen helfen, ihr Smartphone-Verhalten zu überdenken und das Geklicke zu reduzieren. Zusätzlich müsste aber auch die Gesellschaft umdenken.

Und zum Beispiel ein Smartphone-Verbot in Restaurants einführen?

Ja, auf jeden Fall! Es ist wie beim Rauchen. Aber die Gesetze selbst sind eigentlich gar nicht so interessant, spannender ist die Einstellung dahinter. Wie bei Rauchern wird eine Umkehrung der Schuld stattfinden: Der Handy-Tölpel muss sich für sein Verhalten am Tisch rechtfertigen – nicht die anderen, die gerne ihre Ruhe hätten.

Was würde Ihnen helfen, Ihr ­Geklicke zu reduzieren?

Ein Handy, das mich bei der digitalen Diät unterstützt. Mit ein paar eingebauten Krücken. Das Smartphone der Zukunft könnte einen zum Beispiel nach fünf Minuten Daddeln daran erinnern, dass schon wieder fünf Minuten rum sind. Oder vom Anklicken bis zum Öffnen von Facebook 90 Sekunden vergehen lassen. Wenn es wichtig ist, wartet man das ab, die anderen 999 Mal pro Woche lässt man es.



Bildnachweis: W&B/Henning Ross, iStock/View Apart

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