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7 Schritte gegen Mobbing am Arbeitsplatz

Wer im Job gemobbt wird, leidet oft enorm darunter. Dennoch wehren sich nur wenige. Welche Rechte Betroffene haben
von Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 23.11.2015
Gegenwehr bei Mobbing

Übermächtiger Gegner: Dennoch können sich Angestellte gegen ihren Chef wehren

Fotolia/Rynio Fotoproductions

Mit dem neuen Vorgesetzten begann der Albtraum. Davor war Viola Kunz (Name von der Redaktion geändert) viele Jahre lang eine erfolgreiche Außendienstvertreterin. Nun griff sie der neue Chef bei Abteilungsbesprechungen grundlos an. Er entzog ihr die Aufgaben, sperrte ihr Spesenkonto für die Bewirtung ihrer Kunden. Selbst wenn ihre Kunden in die Firmenzentrale kamen, durfte Kunz sie nicht mehr sehen. Statt Vorträge zu halten, sollte sie Kaffee kochen. Ihre Kollegen wurden angewiesen, nicht mehr mit ihr gemeinsam in die Kantine zu gehen. Stattdessen setzte sich der neue Chef beim Mittagessen vor sie und starrte sie wortlos an. Er verbat ihr, ohne Abmeldung ihren Arbeitsplatz zu verlassen. Selbst Toilettenpausen musste sie melden. Dann funktionierte beim Computer ihr Login nicht mehr. Wochenlang hatte sie keinen Zugriff auf das Netzwerk der Firma.

Vor Gericht bestreitet der Vorgesetzte später, dass er Frau Kunz wegen ihres Alters loswerden wollte. Aber er sagt, dass er den Kunden "ein junges Gesicht präsentieren möchte". Professor Klaus Michael Alenfelder, der Anwalt von Frau Kunz, sieht den Tatbestand von Mobbing und Altersdiskriminierung erfüllt. Schließlich endet der Prozess mit einem Vergleich, der Arbeitgeber zahlt 200.000 Euro, und Frau Kunz steigt aus der Firma aus. "Aber von rund einer Million Mobbingfälle pro Jahr in Deutschland klagt nur ein kleiner Bruchteil. Und davon geht auch nur ein geringer Anteil günstig für den Kläger aus", sagt Alenfelder, der als Fachanwalt für Arbeitsrecht in Bonn arbeitet und bundesweit Mobbing- und Diskriminierungsverfahren betreut. Denn Gemobbte sollten eine ganze Reihe von Verhaltensregeln beachten, um sich erfolgreich zu wehren:

1. Mobbing erkennen

Ob Mobbing vorliegt, lässt sich nicht immer einfach beantworten. Meist erfüllen die einzelnen Maßnahmen keinen Straftatbestand. "Das sind oft scheinbar angemessene Verhaltensweisen, von denen der Mobber aber weiß, dass sie dem Kollegen subjektiv weh tun und schlimme Wirkungen haben", führt Professor Richard Giesen aus, der den Lehrstuhl für Sozialrecht, Arbeitsrecht und Bürgerliches Recht an der Ludwig-Maximilians-Universität München leitet. Wie bei einem Mosaik ergeben erst viele Steinchen das komplette Bild.

Mobbing ist als eine Reihe unterschiedlicher Handlungen mit feindseliger Absicht definiert, die mehr als sechs Monate anhält. In manchen Fällen kann aber auch eine einzige Handlung wesentliche Folgen haben, die das Opfer täglich belasten. Zum Beispiel, wenn massive Drohungen gegen Leib und Leben ausgesprochen werden. Oder wenn ein Abteilungsleiter grundlos degradiert wird und seitdem als Sachbearbeiter im Großraumbüro sitzen muss.

2. Klären, ob die Vorgesetzten beteiligt sind

Sind es nur die missgünstigen Kollegen, oder weht der Gegenwind von oben? "Ich schätze, dass in 95 Prozent der Fälle entweder ein Vorgesetzter aktiv mobbt oder zumindest das Mobbing billigend in Kauf nimmt", sagt Alenfelder. Deshalb sollte der Betroffene den direkten Vorgesetzten fragen, wie er dazu steht – im Zweifelsfall schriftlich, um später etwas in der Hand zu haben. Antwortet er nicht, kann man sich an dessen Vorgesetzten wenden, und so weiter entlang der Hierarchieleiter. "Kommt es zu einem Gespräch, sollte man darauf drängen, das Arbeitsumfeld so umzugestalten, dass man mit den Mobbern möglichst wenig zusammenarbeiten muss", rät Giesen.

Bleibt jegliche Hilfe aus, zeigt die fehlende Reaktion das Ausmaß der Problematik. Und die Angeschriebenen müssen sich bei einer Klage vor Gericht verantworten, weshalb sie nicht geholfen haben. Dennoch führt Mobbing von oben oft dazu, dass das Opfer früher oder später das Unternehmen verlässt, weil jegliche Vertrauensbasis zerstört ist. Darum sollte der Betroffene sich gedanklich darauf einstellen, dass möglicherweise bis auf eine finanzielle Entschädigung nur noch wenig zu erreichen ist. "Nur ganz selten muss der Täter seinen Posten räumen", erklärt Alenfelder.

3. Kurze Fristen beachten

Lässt sich im Betrieb die Lage nicht verbessern, sollte der Gemobbte frühzeitig juristische Mittel ergreifen. In Deutschland gelten nämlich nur kurze Fristen. Vor allem dann, wenn sich der Tatbestand mit Diskriminierung überschneidet: Wer sich aufgrund von Alter, Geschlecht, Behinderung, sexueller Orientierung, Herkunft oder Religion diskriminiert fühlt, muss innerhalb von zwei Monaten nach Bekanntwerden der Diskriminierung vom Arbeitgeber schriftlich Schadensersatz verlangen und drei Monate danach klagen – sonst hat er die gesetzliche Frist überschritten, und der Richter stellt womöglich das Verfahren ein. Deshalb gilt es, bereits bei den ersten Vorfällen zu reagieren und sich rechtlichen Beistand zu suchen.

"Oft sind die Opfer aber traumatisiert und leiden durch die Vorfälle unter Depressionen oder anderen psychosomatischen Erkrankungen. Es ist paradox: Je schwerer der Fall, desto schwieriger wird es dem Betroffenen, sich dagegen zu wehren", kritisiert Alenfelder. Er hat deshalb 2012 eine Verfassungsbeschwerde gegen die Fristen eingereicht: Seiner Auffassung nach verstößt das deutsche Recht gegen europäische Normen, weil in den Nachbarländern die Fristen deutlich länger sind, teilweise mehrere Jahre. Eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts steht aus.

4. Den richtigen Anwalt finden

Noch immer sind Mobbingklagen eher Spezialfälle für Arbeitsgerichte. Und auch normale Anwälte für Arbeitsrecht befassen sich zum Großteil mit anderen Aufgaben. Zu ihrer Tagesroutine zählen Kündigungsschutzklagen, Zeugniserstellung, das Prüfen von Arbeitsverträgen und das Einfordern von Urlaubsgeld. "Während aber eine Kündigungsschutzklage vielleicht fünf Seiten lang ist, kann es bei einem Mobbingverfahren Schriftsätze von mehreren hundert bis über tausend Seiten geben", verdeutlicht Alenfelder den Unterschied. Deshalb sollten Mobbingopfer bei der Wahl des Anwalts darauf achten, wie viel Erfahrung er auf diesem Gebiet hat.

5. Weitere externe Hilfe suchen

Niemand sieht sich selbst gerne als Opfer – man war doch immer fleißig und anständig und für das Unternehmen da, wieso sollte da jemand mobben? "Aber oft trifft es gerade kompetente und effiziente Mitarbeiter, die der Vorgesetzte als Bedrohung für den eigenen Posten wahrnimmt", sagt Alenfelder. Viele Betroffene denken anfangs, sie können die Anfeindungen in der Arbeit gut wegstecken und überschätzen dabei die eigenen Kräfte. Oder sie suchen die Schuld bei sich selbst. Andere verdrängen die Situation, weil sie ihren Arbeitsplatz nicht verlieren möchten. "Zwar heißt es: Arbeiten, um zu leben, nicht umgekehrt. Aber für viele ist nach wie vor die Arbeit das Wichtigste in ihrem Leben", sagt Gerichtspsychologe Professor Harald Ege, Fachbuchautor und Gutachter bei Mobbingfällen.

Deshalb ist es umso wichtiger, bei Schwierigkeiten möglichst bald externe Hilfe zu suchen. Neben einem Anwalt können auch Ärzte und Psychologen nötig sein, um den Geschädigten wieder aufzubauen und gesundheitliche Folgen zu verhindern. "Viele Menschen leiden unter lang anhaltendem Mobbing derart, dass sie dauerhaft krank werden, Reha-Maßnahmen benötigen, im Extremfall sogar selbstmordgefährdet sind oder frühverrentet werden müssen", warnt Alenfelder.

6. Beweise und Zeugen sicherstellen

Bei einer Mobbingklage liegt die Beweislast beim Kläger. Deshalb sollte der Gemobbte ein Tagebuch führen und alle Vorkommnisse genau festhalten. Dabei ist es wichtig, so viele Beweise wie möglich zu sichern: Zum Beispiel herabwürdigende E-Mails aufbewahren. Den leergeräumten Schreibtisch fotografieren, wenn der Vorgesetzte die Arbeitsmaterialien entzogen hat. Das Organigramm und das Telefonverzeichnis abspeichern, in dem plötzlich der eigene Name nicht mehr vorkommt.

Oder auch Zeugenaussagen zu sammeln, wenn der Mobber verbal ausfällig wurde. Viele Mitarbeiter zieren sich allerdings, als Zeuge aufzutreten, weil sie selbst Angst um ihren Arbeitsplatz haben. "Auskunftfreudiger sind oft Kollegen, die das Unternehmen verlassen", rät Alenfelder. Deshalb sollte der Gemobbte unbedingt deren private Kontaktdaten notieren.

7. Versuchen, ausgeglichen zu bleiben

Längere Zeit durch Mobbing unter Druck gesetzt zu werden, bedeutet großen psychischen Stress. Dadurch ergeben sich zwei Fallstricke für die Betroffenen: Wer sich zu sehr verunsichern lässt, ist möglicherweise in der Arbeit blockiert und macht entscheidende Fehler. Diese kann das Unternehmen schlimmstenfalls als Grund für eine Kündigung verwenden. Außerdem möchte der Betroffene eventuell Frust und Wut ablassen. Das sollte er aber keinesfalls in der Öffentlichkeit tun: "In einem Fall schrieb der Gemobbte auf Facebook, dass es im Betrieb schlimmer als bei der Stasi sei. Das hat dann für eine fristlose Kündigung genügt", erzählt Alenfelder.

Experte Ege rät, gerade in solchen schwierigen Zeiten nicht seine Hobbies und sozialen Kontakte zu vernachlässigen: "Wer sich wenigstens auf den Feierabend freuen kann, erträgt die Demütigungen in der Arbeit eher." Auch Sport kann helfen. Ege hat aber auch schon beobachtet, dass Menschen die Probleme in sich hineinfressen. "Am wichtigsten: Bei Tabletten und Alkohol vorsichtig sein und nicht in eine Suchtproblematik abrutschen." Denn das könne nicht nur die Karriere, sondern auch die Gesundheit ruinieren.



Bildnachweis: Fotolia/Rynio Fotoproductions

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