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Mehrere Partner: Kann das gut gehen?

Mehr als einen Menschen lieben und begehren: Das ist die Philosophie des Beziehungsmodells Polyamorie. Eine emotionale Herausforderung
von Nina Himmer, aktualisiert am 29.07.2015

Polyamorie – so wird die Liebe zu mehr als einem Partner genannt

123rf/My Make OU

Wir sitzen seufzend im Kinosessel, wenn sich das Traumpaar am Ende eines Films in den Armen liegt. Schniefen gerührt ins Taschentuch, während sich das Brautpaar auf der Hochzeit ewige Treue schwört. Und werden rasend vor Wut und Enttäuschung, wenn der Partner fremdgeht. Keine Frage: Gäbe es eine Mengen- und Zeitangabe für die ideale Liebe, dann wohl "zwei" und "für immer". Zwar wechseln wir unsere Partner heute häufiger als früher. Doch sie mit anderen zu teilen ist nach wie vor ein Tabu. Romantik und Erotik sind in unserer Gesellschaft etwas Exklusives, einzig und allein dem Partner vorbehalten.

Allerdings rüttelt eine stetig wachsende Gruppe an diesem monogamen Beziehungsideal: Wer polyamor lebt, ist mit mehr als einem Partner zusammen – ganz ohne Geheimniskrämerei. "In einer polyamoren Beziehung wissen alle Partnerinnen und Partner voneinander und sind grundsätzlich mit der Situation einverstanden", sagt Christopher Gottwald, Medienbeauftragter des Vereins PolyAmores Netzwerk (PAN). Deshalb sei das Modell auch nicht mit offenen Beziehungen oder der Freien Liebe der 70er Jahre vergleichbar. "Bei Polyamorie geht es mehr um echte Partnerschaften als um sexuelle Abenteuer, Offenheit, Ehrlichkeit und Vertrauen werden großgeschrieben", sagt Gottwald, der selbst seit Jahren in mehreren Partnerschaften lebt.

Polyamorie: Eine Idee, viele Möglichkeiten

Der Begriff Polyamorie ist ein Kunstwort und setzt sich aus dem griechischen Wort polýs (viele) und dem lateinischen "amor" (Liebe) zusammen. Genaue Zahlen, wie viele Menschen in Deutschland polyamor leben, gibt es nicht. Allerdings lässt sich ein gesteigertes Interesse feststellen: "Es bilden sich immer mehr Stammtische, Vereine und Organisationen – und die Treffen unseres Netzwerkes sind nach wenigen Tagen völlig ausgebucht", sagt Gottwald. Auch die Medien greifen das Thema regelmäßig auf. Es gibt kaum eine große Tageszeitung, in der nicht schon Menschen von ihren Erfahrungen mit der unlimitierten Liebe erzählt hätten.

Deren Spielarten sind vielfältig: Auf der einen Seite stehen geschlossene Beziehungen aus drei, vier oder mehreren Personen. Auf der anderen offene Netzwerke von Menschen mit mehreren Partnern. "Dazwischen sind alle Konstellationen denkbar. Etwa offene Trios oder eine Hauptpartnerschaft mit Nebenbeziehungen", erklärt Gottwald. Dabei stelle Polyamorie die individuelle Freiheit aber nicht über Verbindlichkeit. "Zu einer respektvollen Beziehung gehört, dass man sich an Absprachen hält. Etwa, ein Haus gemeinsam abzubezahlen, die Kinder zu erziehen oder auch einfach nur, dass man nicht mehr als zwei Nächte pro Woche beim Nebenpartner oder der Nebenpartnerin verbringt", sagt Gottwald.

Solche Modelle mögen für viele Menschen befremdlich klingen und sich abseits gesellschaftlicher Normen bewegen. Nüchtern betrachtet sind Zweifel an der Zweisamkeit aber durchaus berechtigt: Laut Statistischem Bundesamt wird in Deutschland jede dritte Ehe geschieden, auf der Liste der Trennungsgründe rangieren Seitensprünge und Eifersucht weit oben und Befragungen ergaben, dass sich zwar die Mehrheit in einer Beziehung Treue wünscht, dass viele aber trotzdem schon einmal fremdgegangen sind. Mal ganz abgesehen von der Perspektive der Evolutionsbiologie, für die Monogamie ohnehin ein befremdliches Phänomen ist und die uns allenfalls eine erlernte, soziale Monogamie bescheinigt. Ist Polyamorie also vielleicht eine naheliegende Lösung für ein insgesamt harmonischeres Beziehungsleben?

Nicht gefeit vor Eifersucht

Dass es ganz so einfach nicht ist, weiß die Münchner Sexualtherapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie Diana Lüchem: "Polyamorie kann ungeahnte Freiheiten und Vielfalt ins Beziehungsleben bringen, birgt aber auch große Herausforderungen." Genau wie viele andere Sexualtherapeuten und Psychologen sieht sie einige Probleme, die sich in polyamoren Partnerschaften ergeben können. "Schon eine Paarbeziehung erfordert viel Kommunikation und emotionale Ressourcen. Sind mehr als zwei Menschen involviert, potenzieren sich auch die Konflikte und Kompromisse." Allen gerecht zu werden und sich dazwischen selbst treu zu bleiben, sei ein schwieriges Unterfangen.

Außerdem müssten wirklich alle Parteien aus Überzeugung dabei und mit sich im Reinen sein. "Wer wenig Selbstwertgefühl oder große Verlustängste hat, wird in einer polyamoren Beziehung nicht glücklich werden." Und mit der Überzeugung ist das ihrer Erfahrung nach so eine Sache: Von Kindesbeinen an lernen wir, dass die Liebe ein Zweierspiel ist. Gesellschaftliche Normen, Sozialisation, Erfahrung und Erziehung machen es uns schwer, uns vom vermeintlichen Ideal der Paarbeziehung zu lösen – selbst, wenn wir das wollen. "Es erfordert viel Neugier, Selbstbewusstsein, Selbstständigkeit und die Bereitschaft an sich zu arbeiten, wenn man sich für ein solches Beziehungsmodell entscheidet", sagt Lüchem.

Empathie und Rücksicht wichtig für Polyamorie

Doch nicht nur die soziale Prägung, auch die Persönlichkeit spielt eine Rolle. Weil die Beziehung in einer polyamoren Beziehung nicht mehr privilegiert ist, kann man nicht erwarten, immer an erster Stelle zu stehen. Stattdessen muss man zurückstecken können, empathisch und rücksichtsvoll sein – mehr als einem Menschen gegenüber. Auch vor Eifersucht ist man in der Vielliebe nicht gefeit. Nur weil man offen über alles redet heißt das nicht, dass man sich nicht doch mit Kopfkino und Selbstzweifeln plagt. "Polyamore Beziehungen sind sehr kommunikationsintensiv, das kostet Zeit und Energie und erfordert viel Selbstreflexion", sagt Sexualtherapeutin Lüchem.

Christopher Gottwald sieht in der offenen Kommunikation aber auch einen Vorteil: "Monogame Beziehungen stoßen schnell an Grenzen, wenn erotische Gefühle oder Liebesbeziehungen zu Dritten hinzukommen". Doch statt mit Lügen, Betrügen und Vorwürfen darauf zu reagieren setzen sich "Polys" mit dem Gefühl der Eifersucht auseinander. "Man schaut der Realität ins Gesicht", konstatiert Gottwald. "Ich finde es letztlich entspannender, ehrlich mit anderen umzugehen und die Freiheit zu haben, mein Leben zu leben."



Bildnachweis: 123rf/My Make OU

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