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Binge-Eating-Störung

Eine Binge-Eating-Störung macht sich mit Heißhungerattacken bemerkbar, während der Betroffene die Kontrolle über seine Nahrungsaufnahme verliert. Mehr zu Ursachen, Diagnose und Therapie
von Dr. Karoline Stürmer, aktualisiert am 26.05.2014

Essen außer Kontrolle – mögliches Zeichen einer Binge-Eating-Störung

Glow Images/Cultura/Zero Creatives

Die Binge-Eating-Störung zählt zu den Essstörungen. Übersetzen kann man den Begriff in etwa mit "Essanfallserkrankung".

Wie äußert sich die Binge-Eating-Störung?

Bei der Binge-Eating-Störung kommt es zu wiederkehrenden Heißhungerattacken: Während solcher Attacken verlieren die Betroffenen völlig die Kontrolle über ihre Nahrungsaufnahme. Sie können nicht mehr aufhören zu essen, ob sie Hunger haben oder nicht. Sehr schnell verschlingen sie mehr oder weniger große Nahrungsmengen, obwohl sie wissen, dass ihnen dies nicht gut tut. Sie haben keinen Einfluss mehr darauf, was und wie viel sie verspeisen. Die verzehrte Kalorienmenge kann dann sehr groß sein. Das ist aber nicht immer der Fall.

Oft empfinden Betroffene Schuldgefühle wegen ihres Verhaltens, ekeln sich vor sich selbst. Die Essanfälle finden meist im Verborgenen statt. Unmittelbare Auslöser können negative Gefühle wie Angst, innere Leere, Trauer oder Wut sein.

Anders als bei der Essstörung Bulimie oder manchen Formen von Magersucht, erbrechen sich Betroffene nach ihren Essanfällen nicht, nehmen keine Abführmittel und treiben auch keinen extremen Sport, um ihr Gewicht zu verringern.

Die Essattackenen treten mindestens einmal wöchentlich für den Zeitraum von wenigstens einem Vierteljahr auf.

Binge-Eating: Viele leiden heimlich

"Eineinhalb bis dreieinhalb Prozent der Bevölkerung sind von der Binge-Eating-Störung betroffen, Frauen etwas häufiger als Männer", schätzt Privatdozent Dr. Lars Wöckel, Chefarzt am Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der Cliena Privatklinik Littenheid in der Schweiz. "Die Binge-Eating-Störung wurde lange Zeit nicht als eigenständige Erkrankung eingestuft, deshalb existieren noch immer wenige Studien zum Thema", so der Kinder- und Jugendpsychiater.

Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen entwickeln sich die gesundheitlichen Probleme der Betroffenen oft schleichend. Viele können die Essstörung in der Familie und im Freundeskreis lange verheimlichen. Häufig schämen sich Menschen mit Binge-Eating-Störung außerdem für ihr Verhalten. Professionelle Hilfe zu suchen kostet sehr große Überwindung.

Übergewicht in der Kindheit ist ein Risikofaktor für eine Binge-Eating-Störung

Thinkstock/iStockphoto

Was sind die Ursachen?

Über die Entstehung einer Binge-Eating-Störung gibt es noch keine gesicherten Erkenntnisse. Wie bei anderen Essstörungen vermuten Experten unterschiedliche Ursachen und ein Zusammenwirken verschiedener Faktoren. Eine Rolle können zum Beispiel überzogene Schönheitsideale spielen.

Darüber hinaus existieren bei Binge-Eating-Störungen noch andere, spezielle Risikofaktoren. "Wer schon in der Kindheit unter Übergewicht leidet, hat ein höheres Risiko, später eine Binge-Eating-Störung zu entwickeln", sagt Wöckel. Auch wiederholte Gewichtsschwankungen im Rahmen von Diäten fördern die Entstehung. Wichtig scheint dabei die Einstellung zu Figur und Gewicht zu sein. Wer mit seinem Aussehen sehr unzufrieden ist und immer wieder fastet, um abzunehmen, kann die Entstehung von Heißhungerattacken regelrecht auslösen.

Häufig leiden Betroffene unter einem negativen körperlichen Selbstbild. Sie bewerten Figur und Gewicht sehr stark und koppeln sie an ihr Selbstwertgefühl. So entsteht eine Art Teufelskreis: Die Attacken provozieren ungute Gefühle gegenüber dem eigenen Körper, die wiederum mit Essen kompensiert werden.

Einfluss haben auch Persönlichkeitsmerkmale: So handeln manche Menschen generell eher impulsiv – also unüberlegt und schnell, ohne über mögliche Konsequenzen nachzudenken. Impulsivität erhöht das Risiko für eine Binge-Eating-Störung.

Viele Betroffene haben zudem Schwierigkeiten, mit ihren Emotionen umzugehen. Intensive Gefühle wie Ärger, Wut, Trauer, Langeweile, Angst oder Stress können dann einen Essanfall auslösen.

Depressionen, Suchterkrankungen, Angst- und Persönlichkeitsstörungen gelten als zusätzliche Risikofaktoren, ebenso belastende Lebensereignisse, wie etwa Missbrauch, Gewalt oder Trennungserlebnisse. Es gibt Hinweise für eine genetische Veranlagung, da Binge-Eating-Störungen in Familien oft gehäuft auftreten. Untersucht wird außerdem die Rolle von Botenstoffen im Gehirn.

Welche Auswirkungen hat die Binge-Eating-Störung?

Eine Essstörung belastet Betroffene psychisch, hat aber auch negative Folgen für den Körper. Das Hauptproblem bei einer Binge-Eating-Störung ist die fortlaufende Gewichtszunahme.

"Ein Großteil der Betroffenen gilt als fettleibig mit einem Body Mass Index über 30", sagt Wöckel. Der Body Mass Index – abgekürzt BMI – ist eine Maßzahl für die Bewertung des Körpergewichts eines Menschen in Relation zu seiner Körpergröße. Er berechnet sich aus dem Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Metern (kg/m2). Ab einem einem BMI von 25 gelten Betroffene als übergewichtig und sollten ihr Ess- und Bewegungsverhalten verändern. Allerdings handelt es sich beim BMI nur eine Schätzgröße. Mehr Informationen dazu und einen BMI-Rechner finden Sie im Beitrag: "Bestimmen Sie Ihren Body-Mass-Index".

Übergewicht erhöht das Risiko für Bluthochdruck, ungünstige Blutfettwerte und Diabetes. Auf lange Sicht drohen Herz-Kreislauferkrankungen wie Arterienverkalkungen, Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzleistungsschwäche und Herzrhythmusstörungen. Durch die erhöhte Belastung des Skelettsystems können außerdem Probleme mit der Wirbelsäule oder den Gelenken auftreten.

Herr Dr. Lars Wöckel

Beratender Experte: PD Dr. Lars Wöckel, seit 2010 Chefarzt des Zentrums für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Clienia Privatklinik in Littenheid (Schweiz)

W&B/Privat

Wie stellt der Arzt die Diagnose?

Angehörige oder Freunde bemerken oft nichts von der Essstörung. Verdachtsmomente entstehen allenfalls, wenn größere Essensmengen gehortet werden oder die Betroffenen innerhalb kurzer Zeitspannen stark zunehmen. Die Familie kann daher oft nicht helfen.

"Betroffene müssen selber die Initiative ergreifen", so Wöckel. Als erster Schritt empfiehlt er, sich an eine Beratungsstelle oder an den Hausarzt oder zu wenden. Der wird versuchen, sich ein Bild von der Situation zu machen. Er fragt genau nach – etwa wie oft die Essattacken auftreten und seit wann, ob der Betreffende dabei schneller isst also sonst, ob er die Kontrolle verliert und bis zu einem unangenehmen Völlegefühl isst und welche Mengen er bei einem solchen Essanfall zu sich nimmt. Der Arzt will wissen, ob die Essattacken auch ohne Hungergefühle auftreten und ob sich danach Scham- und Schuldgefühle einstellen. Zudem erkundigt er sich, ob der Betreffende schon als Kind Probleme mit dem Gewicht oder dem Essen hatte und ob andere körperliche oder psychische Erkrankungen bekannt sind.

Wichtig ist außerdem die körperliche Untersuchung. Der Arzt berechnet unter anderem den BMI und überprüft, ob bereits Folgeerkrankungen vorliegen. So veranlasst der Arzt beispielsweise eine Blutentnahme, um Blutzucker-, Blutfett- und Harnsäurewerte zu bestimmen. Eine Blutdruckmessung und ein EKG geben erste Hinweise auf Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems. Falls es erforderlich erscheint, kann der Arzt an einen geeigneten Facharzt überweisen.

Wie wird eine Binge-Eating-Störung behandelt?

Die Behandlung setzt sich aus verschiedenen Säulen zusammen. Im Rahmen einer Psychotherapie sollen die Betroffenen in einem ersten Schritt beobachten, wie oft die Essanfälle auftauchen, welche Mengen sie dabei zu sich nehmen, und welche Gefühle sie begleiten. Die Patienten analysieren, in welchen Situationen die Anfälle auftreten und versuchen gemeinsam mit einem Therapeuten, wiederkehrende Muster zu erkennen.

In einem nächsten Schritt geht es darum, Strategien zu entwickeln, um das Auftreten der Anfälle zu vermeiden. Eine Ernährungsberatung unterstützt Betroffene, sich regelmäßig gesund und ausgewogen zu ernähren. Körperübungen helfen, die Akzeptanz des eigenen Körpers zu erhöhen und abwertende Gedanken durch positive zu ersetzen.

Die Behandlung findet häufig ambulant statt. Wenn die Essattacken stark ausgeprägt sind, der Leidensdruck sehr hoch ist oder zusätzlich eine psychische Störung vorliegt, wird der Arzt eventuell einen stationären Aufenthalt empfehlen.

Frühe Therapie senkt das Rückfallrisiko

"Kurzfristig ist eine Binge-Eating-Störung gut behandelbar", so Wöckel. Allerdings zeigten Untersuchungen, dass die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls groß ist. "Mit jedem Rückfall erhöht sich das Risiko, dass sich die Störung chronifiziert." Und dann, so schätzen manche Experten, kann die Erkrankung durchschnittlich 14 Jahre dauern.

Betroffene, die in diesem Zeitraum professionell etwa durch eine Beratungsstelle, einen Therapeuten oder einer Selbsthilfegruppe unterstützt werden, haben gute Chancen, die Essstörung zu überwinden. Grundsätzlich empfiehlt Wöckel, sich frühzeitig Hilfe zu holen. "Je früher die Erkrankung behandelt wird, umso geringer das Rückfallrisiko."

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.




Bildnachweis: W&B/Privat, Glow Images/Cultura/Zero Creatives, Thinkstock/iStockphoto

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