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Erythrophobie: Die Angst vor dem Rotwerden

Knallrot anzulaufen, das passiert gelegentlich. Für manche Menschen macht aber allein die Vorstellung zu erröten das Leben zur Qual. Eine Therapie kann helfen
von Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 09.07.2015

Werde ich gleich rot? Dieser Gedanke peinigt Menschen mit Erythrophobie

Getty Images/Creative/PandoHall/W&B/Dr. Ulrike Möhle

Klaus Huber (Name geändert) ist mit seinen 190 Zentimetern Körpergröße eine stattliche Erscheinung, und in seinem Beruf leistet er hervorragende Arbeit. Seine Vorgesetzten schätzen ihn so sehr, dass sie ihn schon bald zum Abteilungsleiter ernennen. Kurze Zeit darauf kündigt Huber, um in einer anderen Firma wieder als einfacher Sachbearbeiter anzufangen – und das zum wiederholten Mal.

Es ist eine Angst, die Huber von Job zu Job treibt. Sobald er eine Leitungsposition inne hat, quält ihn die Vorstellung, er könne rot werden, während er eine Besprechung leitet – und darum den Respekt seiner Mitarbeiter verlieren. Dann sieht er nur einen Ausweg: fliehen. Huber fühlt sich gefangen in einem Teufelskreis. Die Panik vor dem Erröten – von Ärzten Erythrophobie genannt – überschattet sein Leben, bis er eine Psychotherapie beginnt. 

Rotwerden verhindern wird zum zentralen Thema

Ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten ist recht typisch für Menschen mit dieser Angststörung, erklärt Psychotherapeutin Dr. Samia Härtling vom Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Technischen Universität Dresden. Sie hat über Erythrophobie promoviert, und kennt Huber als Patient.

Wie ihm geht es zigtausend Menschen in Deutschland: Schätzungsweise drei bis acht Prozent leiden unter einer sogenannten sozialen Phobie. Der Umgang mit anderen Menschen löst bei ihnen übersteigerte Befürchtungen aus, und versetzt sie in Panik. Fast die Hälfte der Betroffenen gibt an, die Furcht vor dem Erröten zähle zu jenen Vorstellungen, die ihnen am meisten zu schaffen machen. Das Vermeidungsverhalten könne so schlimm werden, dass die Betroffenen gar nicht mehr vor die Tür gehen, erklärt Psychotherapeutin Härtling. "Manche Frauen kaschieren das, indem sie einem traditionellen Rollenbild entsprechend sich ganz auf den häuslichen Bereich beschränken." Männer zögen sich seltener zurück, verspürten aber oft enormen Leidensdruck – ausgelöst durch den Widerstreit zwischen ihren Ängsten und ihrem Anspruch, Karriere zu machen und dem Männer-Image vom harten Burschen zu genügen.

Dr. Samia Härtling

Technischen Universität Dresden

Meist beginnt die Angst vor dem Rotwerden schon in der Kindheit oder Pubertät. Beispielsweise bei einigen Kindern, die in der Schule wegen des Errötens Hänseleien erleben. Dabei erröten alle Menschen in dem Alter generell leicht. Bei denjenigen mit einem hellen Hauttyp und oberflächlich verlaufenden Venen sieht man die Rötung jedoch leichter. Sie werden öfter gefoppt.

Manchmal entwickelt sich die Krankheit nicht einmal aus persönlicher Erfahrung heraus. Einige Betroffene stoßen auf in den Medien auf das Thema Rotwerden und beziehen es auf sich. Oder sie erleben, wie ein Freund gehänselt wurde, und übertragen das. 

Problematische übersteigerte Selbstwahrnehmung

Im Anschluss setzt sich ein Teufelskreis in Gang: In der nächsten schwierigen Situation – zum Beispiel bei einem Referat vor der Klasse – fühlen die Angstpatienten verstärkt in sich hinein, ob ihnen das Blut in die Wangen schießt. Und prompt: Das vegetative Nervensaystem, das die Weite der Blutgefäße steuert, reagiert auf Sorge und Nervosität. Die Gefäße im Gesicht weiten sich, die Röte steigt hoch. Sensibilisiert wie sie sind, bemerken das Betroffene sofort und schalten: Die Sorge war berechtigt. Einige trifft es noch schlimmer: Stehen sie in der Öffentlichkeit, sind sie so mit sich und der Furcht vor dem Rotwerden beschäftigt, dass sie abwesend wirken und den Faden verlieren. So ziehen sie noch mehr Spott auf sich.

Wie stark sich die Furcht einprägen kann, verdeutlicht Härtling am Beispiel einer Erythrophobie-Patientin. Sie erkrankte irgendwann an Krebs. Doch selbst dann behielt die Angst vor dem Erröten seine Macht. War Visite auf der Krebsstation und der Chefarzt sprach mit ihr, lief sie rot an und brachte vor Scham keine ihrer Fragen heraus.

Großer Aufwand, um von der Röte abzulenken

Manche Betroffene verlegen sich deshalb auf aufwendige Strategien, um ein mögliches Erröten zu verbergen: Sie tragen dick Make-up auf oder versuchen mit grünen Abdeckstiften kritische Stellen zu übertünchen. Andere legen sich exzessiv unters Solarium, hoffend, dass die Bräune im Ernstfall die Röte überdeckt. Große Sonnenbrillen, dichte Bärte, Schals und Tücher – am besten in kontrastmilderndem Rot – verdecken das halbe Gesicht. Viele Betroffene meiden Blickkontakt und wenden das Gesicht ab, wenn sie mit jemandem reden.

Diese Strategien nennt Härtling Sicherheitsverhalten: "Das hilft kurzfristig. Aber danach glauben Betroffene, nur so sei es ihnen gelungen, die kritische Situation zu überstehen. Sie dehnen dieses Verhalten auf weitere sozial anspruchsvolle Gegebenheiten aus." Das birgt die Gefahr, von Strategien psychisch abhängig zu werden, die Mitmenschen als Marotten betrachten.

Ansatzpunkte für die Behandlung des Errötens

An diesem Sicherheitsverhalten kann eine Psychotherapie ansetzen: Härtling spielt mit dem Patienten für ihn schwierige Situationen durch, zum Beispiel das Bezahlen an einer Supermarktkasse. Einmal soll er sich dabei so präsentieren, wie er sich sicher fühlt. Das nächste Mal soll er sich benehmen, wie es ein angstfreier Mensch tun würde.  Danach zeigt ihm die Therapeutin die Videoaufnahme des Rollenspiels: "Viele sind überrascht, wie ungünstig es wirkt, wenn sie keinen Blickkontakt aufnehmen oder ihr Gesicht abwenden. Gleichzeitig entdecken sie oft, dass sie gar nicht so stark erröten, wie sie es selbst empfinden."

Darüber hinaus klärt sie ab, ob nicht doch eine körperliche Erkrankung zur Röte beiträgt, zum Beispiel erhöhter Blutdruck oder eine Hautkrankheit. Außerdem bespricht die Psychotherapeutin mit den Patienten, was Angst ist, wo sie herkommt, und warum Vermeidungsverhalten die Panik verstärkt.

Sie fragt ihre Patienten zudem, wie sie das Erröten bewerten. Oft fallen daraufhin Begriffe wie Peinlichkeit, Ängstlichkeit, Versagen oder Weinerlichkeit. "Die Patienten sind dann erstaunt, wenn ich ihnen berichte, dass andere Menschen eher Offenheit, Menschlichkeit oder Verliebtheit damit assoziieren", erzählt Härtling. Vor allem sei es Aufgabe des Therapeuten zu vermitteln, dass die meisten Menschen die Gesichtsfärbung ihres Gegenübers kaum beachten. Lauschen sie zum Beispiel einem Vortrag, beschäftigen sie fast immer andere Dinge als der Teint des Redners.

Bei der Behandlung der Erythrophobie geht es also nicht primär darum, das Rotwerden zu verhindern. Betroffene lernen, belastende Situationen wieder entspannter wahrzunehmen. Das Problem mit dem Erröten, schrumpft so langsam zusammen. 

Den passenden Therapeuten finden

Härtling hat für die Erythrophobie eine Gruppentherapie mit zwei Wochenendblöcken entwickelt. Sie weist gute Erfolgsraten auf. Offenbar können die Rückmeldungen von Betroffenen untereinander sehr hilfreich sein. Dazu gehört die Erkenntnis, dass diese Angst bei allen Gesellschafts-, Bildungs- und Altersschichten vorkommt. Ambulante Einzeltherapien verlaufen oft weniger komprimiert. Bei einer Stunde pro Woche dauern sie bis zu einem Jahr. Krankenkassen zahlen in der Regel die Therapie unter der Diagnose "soziale Phobie".

Psychologische und ärztliche Psychotherapeuten lassen sich beispielsweise auf den Internetseiten der kassenärztlichen Vereinigungen finden. Entscheidend sei laut Härtling, ob der Therapeut auf dem Gebiet Erfahrung hat, und ob der Patient einen Draht zu ihm findet: "Nutzen Sie dafür die  Probesitzungen und sagen Sie offen, wenn Sie sich bei dem Therapeuten nicht wohl fühlen. Fragen Sie ihn gegebenenfalls, ob er Ihnen einen Kollegen empfehlen kann." Ist nach den Probesitzungen einmal der Behandlungsvertrag geschlossen, gestaltet sich ein Therapeutenwechsel deutlich schwieriger.



Bildnachweis: Technischen Universität Dresden, Getty Images/Creative/PandoHall/W&B/Dr. Ulrike Möhle

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